
Kitsch as kitsch can
Mit ihrem neuen Album legen Bon Jovi die Geschichten einer konservierten Rockband neu auf oder belegen eindrucksvoll warum ein suggestiv fieses Grinsen noch keinen Bad Boy macht.
Ja, das waren noch Zeiten als die Kumpanen rund um Frontman Jon Bon Jovi den Müttern ihrer Fans in engen Leggins der Farbmarke "Kreisch" und zotteligen ausgewachsenen Dauerwellen zumindest noch etwas Skepsis entlockten. Plötzlich aber war die Matte ab und schmachtige Songtexte wie "I wanna lay you down on a bed of roses" machten die ehemaligen Möchtegern-Rocker endgültig zu weichgespülten Schnullipoppern und schließlich sogar zum Bravo Dreamboy; schlimme Sache das.
Seither hat die Rocker-Combo einen schweren Stand. Da kann das Gitarrensolo noch so mächtig ausfallen, nachdem man "Keep The Faith", "Wanted Dead Or Alive", "You Give Love A Bad Name" oder "It's My Life" in ihrer fleischgeworden rosa Zuckerwatte-Versionen auf dem 2003 erschienenen This Left Feels Right gehört hat, traut man den Jungs auch den regen Austausch ihrer Poesie-Alben zu. Man ist also völlig vorurteilsfrei, ähäm.
Entsprechend klang das erste Hören der Single "Have A Nice Day" fast schon wie ein Versprechen, Marke "we're back from pink clouds and rock as hell". Ganz so genau sollte man das jedoch nicht nehmen, und bitte druck sich das jetzt keiner auf sein T-Shirt. Immerhin gleich zwei Tracks erwecken beim Hörer noch die Illusion von echtem Rock'n Roll. Leider ist bereits bei Titel Nummer 3, nämlich "Welcome To Wherever You Are" wieder soviel amerikanischer Kitsch angesagt, dass man den Eindruck hat, statt nur einmal naschen zu dürfen sei man zum gesamten Verzehr der XXL-Kingsize-Packung Marshmellows am Lagerfeuer gezwungen worden, und wüsste wirklich nicht mehr wo man sich befindet, geschweige denn wie man nach Hause kommt.
Passenderweise folgt mit "Who Says You Can't Go Home" dann aber doch die Aufforderung in den dunklen Wald zu gehen, bis der "Last Man Standing" geklärt werden konnte. Selbiger hat entsprechend seiner Kondition dann zwar auch das Zeug zum Rocken, aber hey, die Nummer vom toughen Kerl oder den "Bells Of Freedom" kann doch nun wirklich keiner mehr hören. Spätestens bei "Wildflower" und "Last Cigarette" und dem vor dem geistigen Auge vorbeiziehenden Marlboro-Country hinterfragt man leicht die Gehirnwäsche-Ambitionen dieses Albums und traut sich nicht so recht weiter. Die abschließenden Titel "Complicated", "Novocaine" und "Story Of My Life" jedoch legen noch schlimmere Befürchtungen an den Tag: Have A Nice Day ist zwar ganz nice, mehr aber leider auch nicht.
01. Have A Nice Day
02. I Want To Be Loved
03. Welcome To Wherever You Are
04. Who Says You Can't Go Home
05. Last Man Standing
06. Bells Of Freedom
07. Wildflower
08. Last Cigarette
09. I Am
10. Complicated
11. Novocaine
12. Story Of My Life
13. Dirty Little Secret
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