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CD Kritik vom 26.05.2006

Somersault: Paper Walls

Somersault: Paper Walls | CD Kritik
Somersault
Paper Walls

Wichtiger als Anekdoten

Mit ihrer Arbeit am neuen, zweiten Album ''Paper Walls'' ist Somersault in die obere Liga der Songwriter aufgestiegen. Das ist keineswegs übertrieben: Am Ende hatte sie so viele Songs, dass sie auch drei Alben hätte veröffentlichen können. Es wird bei einem bleiben - zur Freude wiederum der Musiker, die einen der ''übrig gebliebenen'' Somersault-Songs für ein eigenes Projekt anfragten (und nun sogar als Single planen). Die zwei heißen Dave Rowntree, Drummer der englischen Pop-Band Blur, und Mike Smith, musikalischer Leiter der Cartoon-Combo Gorillaz. Dabei war ''Paper Walls'' nie als internationale Produktion geplant. Doch kurz nachdem Somersault die Arbeit aufnahm, zog es sie im Sommer 2004 für drei Wochen nach Stockholm, wo sie mit dem Komponisten Magnus Fridh vier der Album-Songs schrieb.

Im Januar 2005 kam ein Anruf aus London von Michelle DeVries, einer Musikverlegerin. Sie hatte aus New York Somersaults erste CD erhalten und reagierte darauf überaus spontan mit einem Anruf und den Worten: ''Komm nach London, du kannst meine Wohnung haben. Da ergibt sich schon was.'' Es ergaben sich drei Monate in der Hauptstadt des Pop, im Stadtteil Fitzrovia, wo viele britische Stars ihre Rückzugsorte haben - Kellerstudios, Appartments, Läden. Sie traf einige Musiker, manche nur einmal, andere immer wieder. Am fruchtbarsten war die Arbeit mit Damian LeGassick: Der langjährige Partner von William Orbit, Produzent von K. D. Lang und Autor von Madonna Schlusslied auf ''Music'' schrieb nicht nur gemeinsam mit Somersault zwei Songs (''Like One'', ''White Flowers''), sondern machte sie auch mit dem bereits erwähnten Dave Rowntree ''bekannt''. Aus dieser Begegnung entstand der Song ''Ghosts'', der mit seinen Tabla- und Sitar-Sounds so nur in London entstehen konnte. Wer dieser Dave überhaupt war, fand Somersault erst später heraus - und das beschreibt sehr gut, auf welch natürliche Weise das ganze Album ''Paper Walls'' gewachsen ist.

Die übrigen Songs enstanden in München, zum Teil in enger Zusammenarbeit mit Martin Kursawe, ihrem wichtigsten musikalischen Vertrauten. Er ist auch der Gitarrist, der sie bei ihren monatlichen Akustik-Sessions im Café Ringelnatz in München Schwabing begleitete. Produziert wurde ''Paper Walls'' von einem Allround-Talent des High-Class-Pop: Andreas Herbig hat mit a-Ha, Reamonn, Fünf Sterne Deluxe, Wolfsheim bis hin zu Juli ''Geile Zeit'' schon immer einer Musik gedient, die trotz scharfer Konturen ein großes Publikum zu bewegen vermag. Ihm zur Seite standen zwei Urgesteine des Hamburg-Pops: Jörn Heilbut und Stephan Gade.

Wichtiger aber als alle Anekdoten der vergangenen aufregenden Monate: ''Dieses Album ist, was ich bin. Und ich bin ein Abgrund-Mensch. Für mich ist Musik wie ein Ventil, mit dem ich schneller durch dunkle Phasen komme. Sie ist ein Abkommen mit den eigenen Abgründen'', bekennt Somersault. Dabei ist ihr schmerzlich bewusst, dass sie zwischen künstlerischer Blöße und öffentlicher Verletzlichkeit auf einem schmalen Grat wandelt: ''Meine größte Angst ist es, dass mir viele Menschen zu nahe kommen. Ich hab kein Interesse an einem Star-Dasein.'' Aber manche Dämonen kann man sich nicht aussuchen, sie finden einen. Für Somersault kein Grund wegzulaufen: ''Man gewöhnt sich so an einiges.'' Ihre Dämonen gäbe sie auch nicht so einfach weg, selbst wenn es gelänge. ''Meine Empfindsamkeit sehe ich als Stärke. Denn Menschen berühren zu können, ist letztlich der Grund, warum ich mich für die Musik entschieden habe.'' Bei all dem ist Somersault ein an sich lustiger Mensch. ''Ich nehme mich selbst nicht so ernst. Aber oft endet's schwer.''

Tourdaten:

22.06.2006 Kiel, Kieler Woche
07.09.2006 Frankfurt/Main, Das Bett
08.09.2006 Passau, Café Sita

Playlist:

01. Breathe
02. Passing by
03. Like one
04. Ghosts
05. Slowmotion suicide
06. Break the wave
07. Freezing
08. Motherless child
09. Not in this world
10. White flowers
11. Secret place
12. Going to drown

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