Neuer Weichspüler-Sound
Als sich das Gerücht bestätigte, dass Linkin Park ihr drittes Studio Album auf den Markt bringen werden, sorgte das für wahre Begeisterung bei den Fans. Als dann noch bekannt wurde, dass die Amerikaner sogar für einige Konzerte nach Deutschland kommen, begann der Hype nach Tickets, noch bevor diese überhaupt vorrätig waren. Amerikanische Kritiker kündigten eine Stiländerung der Band an, die man sich am besten selbst anhören solle. Das verstärkte natürlich die Vorfreude der deutschen Fans. Und jetzt – eine Woche nach Erscheinen von "Minutes To Midnight", gehen auch hierzulande die Meinungen extrem auseinander.
Linkin Park selbst beschreiben ihren jetzigen Stil als revolutionär. Sogar von einem "Durchbruch in der Entwicklung des Band-Sounds" ist die Rede. Mike Shinoda erklärt den neuen Sound der Gruppe so: "Wir haben neue Arten des Schreibens ausprobiert und benutzten Instrumente und Equipment, mit denen wir vorher noch nie experimentiert hatten, von alten Gitarren und Verstärkern bis hin zum Mellotron und der 808-Drum Machine, die Rick auf dem ersten Beastie Boys-Album benutzt hatte." Das sagen die Künstler selbst. Aber wie immer, wenn sich eine Band neu zu erfinden droht, verschreckt das erst einmal ihre Anhängerschaft. Man liest Schlagwörter wie monoton, einschläfernd, entspannend, ernüchternd, enttäuschend. Aber die Erwartungen sind bei den druckvollen Vorgängeralben und einer grandiosen Tour auch dementsprechend hoch, das darf man nicht vergessen. Wenn man "Minutes to Midnight" allerdings einmal für sich betrachtet, also ganz ohne Vorwissen, dann kann man trotzdem ein absolut professionell produziertes Album heraushören. Man erkennt deutlich, dass die sechs Musiker alle ihren Part zum Produkt beigetragen haben. Ihrer Experimentierfreude sind Linkin Park also durchaus treu geblieben, allerdings können sie diese mittlerweile besser strukturieren und auf den Punkt bringen.
Was den Fans ihres alten, damals unkonventionellen Nu Metal Stils jedoch sauer aufstoßen wird, ist der gefühlvolle, fast balladeske Faden, der sich nahezu durch das gesamte Album zieht. Die typischen Rap Passagen, gepaart mit wilden Shouts und harten Riffs sucht man fast immer vergeblich. Dafür bekommt man nachdenkliche Passagen, minimierte Sounds und experimentelle Klänge aus dem Synthesizer. Man mag es kaum glauben, aber manchmal klingen die harten Jungs sogar annähernd wie U2. So gehört bei "Shadow Of The Day", das ein wenig wie "With Or Without You" klingt. Dazu immer wieder Balladen, die an Aula-Auftritte einer rebellischen High School Band erinnern. Aber was soll´s. Echte Fans von Linkin Park wird auch das nicht verschrecken. Denn eines sind die Jungs bei all ihrer neu entdeckten Lahmarschigkeit sicher nicht: langweilig. Und alle Kritik wird sich nach der großen Hallentour, die übrigens komplett ausverkauft ist, sowieso weitesgehend erledigt haben.

