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Jean Michel Jarre im Interview

Jean Michel Jarre

Interview von 2005

''Radioquote bringt nichts''


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Jean Michel Jarre gilt als einer der einflussreichsten Musiker im Bereich der elektronischen Musik. Anlässlich der Vorstellung seiner neuen DVD ''Jarre in China'' traf POOLTRAX.com-Redakteur Björn Tantau den charismatischen Franzosen zum Interview in Hamburg.

POOLTRAX.com: Worin bestand für dich der besondere Reiz, anlässlich des Französischen Jahres 2004 in China das Festival zu eröffnen?

Jean Michel Jarre: Zunächst ist es natürlich eine große Ehre, bei einem solchen Anlass in China sein Land zu vertreten und die eigene Musik einem so großen Publikum präsentieren zu können. Auf der anderen Seite war es für mich aber auch wichtig, in China ein Zeichen zu setzen. Ich habe in der Vorbereitung mit vielen Künstlern gesprochen und obwohl sich in China vieles gebessert hat, gab es in der Vergangenheit einige ''dunkle Momente'' für das Land. Für mich war es wichtig, gemeinsam mit chinesischen Künstlern eine gute Show abzuliefern und den Leuten etwas zu bieten. Ich hoffe, dass ich mit solchen Events einen Beitrag leisten kann, damit sich das Land noch mehr nach außen öffnet.

POOLTRAX.com: Wie entstand die Idee, diesen Auftritt in Form der aktuellen DVD so umfangreich zu würdigen?

Jean Michel Jarre: Ich wollte dem Publikum die Möglichkeit geben, diesen Auftritt in der bestmöglichen Qualität miterleben zu können. Außerdem wird die DVD in der Musikindustrie in meinen Augen noch immer nicht ausreichend ernst genommen, wie das z. B. in der Filmindustrie der Fall ist. Die Musik-DVD bietet so viele Möglichkeiten und ist daher für mich das perfekte Medium, um solche Ereignisse festzuhalten. Nicht nur wegen des ausgezeichneten Bildes oder des perfekten Sounds, sondern auch wegen der Zusatzfunktionen wie z. B. dem Bonusmaterial. So findet man auf der neuen DVD viele Extras, u. a. komplette Dokumentationen, Szenen und Stories vom Rande des Konzerts, usw. Und ich hoffe schon, dass mit dieser DVD ein gewisser Maßstab gesetzt werden kann.

POOLTRAX.com: Wie erklärst du deine Vorliebe für große und besonders umfangreiche Auftritte?

Jean Michel Jarre: Obwohl ich mir das nicht immer aussuche und häufig, wie jetzt in China, von Dritten gefragt werde, ob ich solche Events machen möchte, macht es mir natürlich riesigen Spaß. Ich denke, dass die Gründe dafür in meiner Kindheit liegen. Die Erinnerung an einen Zirkus, der einer Karawane gleich bei dem Haus meiner Eltern anhielt, dort aufbaute und sein Programm spielte, beeindruckt mich noch heute. Ein Event wie der in China hat keine zweite Chance, wie beim Zirkus und den Artisten. Alles muss sofort klappen und die Verbindung zum Publikum muss von der ersten Minute an stehen. Das mag ich. Außerdem arbeite ich gern mit Architektur und natürlich auch mit den klimatischen Bedingungen.

POOLTRAX.com: Du giltst als Pionier der elektronischen Musik. Wie weit findet man in der modernen Pop-, Dance- und Elektro-Musik Einflüsse deiner (frühen) Werke?

Jean Michel Jarre: (lacht) Diese Frage sollte man eher den Leuten stellen, die meinen, durch meine Musik beeinflusst worden zu sein. Ich kann mir allerdings schon vorstellen, dass z. B. Teile des Synthie-Pops aus den 80er Jahren vor allem in Großbritannien von meiner Musik beeinflusst wurden. Aber es ändert sich auch ständig alles und Musiker werden von verschiedenen anderen Musiker beeinflusst – ich bin da keine Ausnahme und mag z. B. besonders gern die Musik von Bands wie den Beatles und anderen aus den 60er Jahren.

POOLTRAX.com: Wie beurteilst du die aktuelle Entwicklung des ''French House'' in deinem Heimatland (z. B. in Bezug auf ''Daft Punk'', etc.)?

Jean Michel Jarre : Das ist natürlich eine gute Sache für Frankreich. Allerdings finde ich den Begriff ''French House'' nicht so passen, denn es klingt für mich nicht unbedingt französisch, sondern eher nach Musik aus England, wie sie z. B. von den ''Chemical Brothers'' oder ''Underworld'' gemacht wird (lacht). Insofern ist das für mich eher eine Art Bewegung in Europa, denn durch die Weiterentwicklung der Technik, des Internet und der Verbreitung durch die Medien haben viele Menschen Zugang zu dieser Musik und das nicht nur als Hörer, sondern auch als Produzenten.

POOLTRAX.com: Stichwort ''Internet'': Wie siehst du die Bedeutung des Internets als modernen Vertriebsweg für Musik?

Jean Michel Jarre: Ich denke, dass das ein guter Weg ist, nicht nur für Musik, auch für Filme, und habe es daher auch niemals als Gefahr angesehen. Durch das Internet konnte ich viel kennen lernen, z. B. auch Menschen, die meine Arbeit verfolgen und natürlich sind die zahlreichen Internetseiten von Fans für Fans sehr interessant und ermöglichen mir als Künstler eine noch engere Verbindung zu meinem Publikum. Das Internet an sich halte ich nicht für gefährlich. Vielmehr glaube ich, dass die Gefahr von der Musikindustrie ausgeht. Es gibt heute so viele Möglichkeiten, sich unterhalten zu lassen. Das war z. B. 30 oder 40 Jahren nicht so. Damals hatte die Musikindustrie praktisch den Alleinanspruch auf Unterhaltung, mal abgesehen von Film & Kino. Außerdem sieht die Musikbranche Teenager als die Hauptzielgruppe an, obwohl Musik von so vielen Menschen konsumiert wird. Nicht nur bei diesem Punkt wurde vergessen, mit der Zeit zu gehen. Und das Internet hat dafür gesorgt, dass die Verantwortlichen wachgerüttelt wurden. Nun sehen sich allerdings vor einer neuen Situation, in der die Hauptzielgruppe nicht mehr bereit ist, viel Geld für Musik auszugeben. Das ist ein Problem. Meiner Meinung ist durch das schlichte Aussehen der CD etwas an der ''Romantik des Musikkaufs'' verloren gegangen, da man sie überall kaufen kann. Früher musste man in einen Plattenladen gehen und nicht in den Supermarkt. Und da Musik schon immer etwas zu tun hatte mit ein Flucht aus dem Alltag, ist die CD wohl nicht das richtige Medium. Mit dem Internet kommt dieses Gefühl wieder, denn man kann nicht nur die Musik beziehen, sondern sich gleichzeitig auch mit anderen austauschen, über Musik reden und andere Menschen treffen. Das ist eine gute Sache. Durch die massenhafte Verbreitung der CD auch an Orten, die eigentlich nicht für gute Musik oder Fachkenntnis über gute Musik stehen, findet keine Beziehung mehr statt zwischen Musik und Hörer, wie das z. B. bei Büchern bis heute noch der Fall ist. Im Internet findet diese Beziehung wieder verstärkt statt, weil das Zusammenkommen mit anderen so einfach ist. Niemand würde sich im Supermarkt in der Schlange mit einem Fremden über Musik unterhalten. Natürlich hat das Internet auch unbestritten seine Nachteile, aber es macht vieles einfacher. Ich bevorzuge das Internet auch nicht, aber es ist eine sehr wichtige Ergänzung.

POOLTRAX.com: Findest du eine Radioquote für einheimische Musik, wie es sie in Frankreich schon gibt, auch sinnvoll für andere Länder, um die eigene Sprache in der Musik zu kultivieren?

Jean Michel Jarre: Ich persönlich halte die Radioquote nicht für sinnvoll. Wenn z. B. Madonna einen französischen Titel aufnehmen würde, könnte man sie auch als französische Künstlerin ansehen, obwohl sie ja Amerikanerin ist und englischsprachige Musik macht. Insofern gibt es bei der Radioquote am Beispiel von Frankreich die falschen Kriterien. Schließlich geht es ja nicht nur um die Worte, sondern vornehmlich um die Musik. So würde man mich nicht als französischen Musiker bezeichnen, weil ich ja komplett auf Worte verzichte. Also ist das dann eher ein internationaler Künstler. Die Radioquote in Frankreich hat dazu geführt, dass es bei uns viel französischen Rap im Radio gibt, der in meinen Augen leider zu 80% nicht gut ist. Es hat aber nicht dazu geführt, dass es mehr erfogreiche französische Rapper international gibt, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Daher denke ich, dass eine Radioquote für Musik mit einheimischen Texten keine wirkliche Weiterentwicklung darstellt, sondern im Gegenteil eher einen Rückschritt. Durch die Radioquote wollte man ja verstärkt gute Produktionen aus Frankreich pushen. Das ist aber nicht passiert. Und auch heute ist amerikanische und englischsprachige Musik auch in Frankreich noch sehr stark. Ich finde es ein bisschen lächerlich, wenn man einen Titel in Frankreich als ''französisch'' bezeichnet, nur weil er 51% französische Worte enthält. Wie gesagt: Ich bin Franzose, mache aber keine französische Musik! Gleiches gilt für z. B. auch für ''Daft Punk'' – das ist nicht französisch, aber erfolgreich. Es sollte wenn überhaupt Quoten geben für Musik, die im jeweiligen Land produziert wurde, nicht aber nur auf die Sprache bezogen.

POOLTRAX.com: Wir haben uns gefragt, wie man als graduierter Literaturwissenschaftler ausgerechnet Musiker im elektronischen und instrumentalen Bereich wird. Wie hast du angefangen?

Jean Michel Jarre: Ich habe zunächst klassische Musik studiert und dann viel in Rockbands gespielt. Irgendwann hab ich dann die elektronische Musik entdeckt. Dadurch habe ich herausgefunden, dass Musik nicht nach Noten, sondern nach Klängen gespielt werden sollte. Diese Erfahrung hat mein Leben verändert. Das wollte ich dann machen, nicht nur weil es neu war, sondern auch einen völlig anderen Weg darstellte, Musik zu kreieren.

POOLTRAX.com: Wird deine Musik durch technische Neuerungen in Sachen Elektronik beeinflusst oder setzt du vornehmlich auf ältere Instrumente?

Jean Michel Jarre: Beides hat seine Reize! Manche alten Synthesizer sind für mich wie eine Stradivari und nicht zu ersetzen. Andererseits bietet vor allem die aktuelle Entwicklung auf dem Gebiet der virtuellen Instrumente am Computer (Software) große Möglichkeiten für die elektronische Musik.


POOLTRAX.com: Vielen Dank für das Gespräch!

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