
Es war an einem sonnigen Herbsttag, als wir uns in Hamburg trafen. Ein laues Lüftchen wehte von der Alster her, und man konnte schon ein wenig den Spätsommer riechen. Der Mann, der vor mir saß, war gerade aus Florida eingeflogen, aus West Palm Beach. Zehn Stunden lang saß er im Flugzeug, via London nach Hamburg, über mehrere Zeitzonen hinweg. Jeder normale Mensch wäre danach am Rande der Erschöpfung gewesen, hätte sich vor dem ersten Gesprächstermin ein wenig Ruhe ausgebeten – doch nicht dieser Mann, James Last.
Verstohlen betrachtete ich ihn, wie er so in die Sonne blinzelte. Eigentlich erinnere ich sein Gesicht nur zu gut. Es war, als würden wir uns schon seit Ewigkeiten kennen, als seien wir miteinander aufgewachsen. Und tatsächlich sind wir das auch, irgendwie – zumindest ich mit ihm. Die zurückgekämmten Haare, der Schnauzbart , sein Lächeln - James Last erinnerte mich an die Fernsehabende mit meinen Eltern, mit meiner Oma und meinen Geschwistern. Es waren diese Samstagabende, nachdem die Kinder gebadet hatten und die Luft in unserem Haus nach Fichtennadel- Badedas roch. Das Abendessen war gegessen, der Tisch abgeräumt und in unserem ersten Farbfernseher der längst erloschenen Marke "SABA" war James Last zu sehen, wie er auf seine unnachahmliche Art und Weise in seinem meist weißen Anzug sein Orchester dirigierte. Die Menschen im Fernsehen trugen bunte Anzüge und noch buntere Muster. Es war die Zeit der kultigen Afri-Cola Werbespots und der Ültje -Erdnüsse und auch die Zeit der großen Abendunterhalter im Ersten und Zweiten Programm (denn mehr gab's ja damals nicht), die Zeit der langbeinigen Fernsehballette und auch die Zeit der großen Fernsehmelodien, die meine Oma immer so gerne mitsummte. Es war – alles in allem - eine gute Zeit.
Nun, meine Oma ist schon lange tot, doch der Mann, der sie samstagabends glücklich gemacht hatte, dem durfte ich nun gegenübersitzen: James Last, der wohl erfolgreichste Orchesterchef der Welt, der Erfinder des "Happy Sound" und der "Non-Stop Dancing Parties". Rund 80 Millionen Schallplatten hat der inzwischen 75jährige verkauft, andere Quellen sprechen sogar von 100 Millionen Scheiben, die nun zwischen Grönland und Kapstadt, zwischen Hawaii und Novosibirsk die Menschen unterhalten. Insgesamt weit mehr als 200 goldene und Platinschallplatten hat er dafür bekommen – soviel wie kaum ein anderer Künstler vor ihm. Die Queen of England hat ihn empfangen, er wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft und hat heute noch die wohl treuesten Fans, die sich ein Künstler wünschen kann.
Doch, irgendetwas war anders an ihm, an dem Tag, an dem wir aufeinander trafen. Irgendetwas fehlte in diesem Bild, das ich von ihm hatte. War's etwa der weiße Anzug, den er nicht trug? Oder fehlte einfach nur sein Orchester in meinem Bild? Oder vermisste ich das Bühnenlächeln der Non-Stop-Party- Stimmungskanone? Es regnete kein Konfetti von der Studiodecke, es kam zu keiner Massenpolka und auch nicht zu irrwitzigen Tanzeinlagen an diesem sonnigen Septembernachmittag. Das habe ich auch nicht erwartet. Dennoch war ich zugegebenermaßen etwas irritiert.
Eine gewisse Ernsthaftigkeit umgab diesen so freundlichen und ruhigen Mann. Vor ihm auf dem Tisch lagen die Bilder, die der Starfotograf Anton Corbijn - der einst Depeche Mode so unnachahmlich in Szene setzte – vor einigen Tagen von ihm gemacht hatte. Es sind Bilder, die Hans Last – so sein richtiger Name – von einer ganz anderen Seite zeigen. Wie er dasteht, vor einer dreckigen Mauer, mit schwarzem Cowboyhut unter dem sein schlohweißes Haar hervorlugt, mit dunkler Jacke, ausgebleichten Jeans oder auch in abgeschabten, braunen Lederhosen und ein sonnengegerbtes Gesicht, das selbst Charles Bronson in "Spiel mir das Lied vom Tod" nicht besser hätte tragen können. Die Bilder zeigen ihn als Loner, als Alpha-Mann. Sie zeigen einen Hans Last, der nichts, aber auch gar nichts mit dem James Last zu tun hat, der "Happy Sound" - Orchester im weißen Anzug dirigiert. "Das" sagt James Last und deutet auf die vor ihm ausgebreiteten Bilder "das sind die Bilder, in denen ich mich wiedererkenne. All die anderen Bilder, die man vorher von mir gemacht hat, waren gestellt. Mit Anzug, mit Make-Up. Das war nicht wirklich ich. Das war das Klischee, in das ich reingedrückt worden bin."
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