Die internationale Musik- und Popkultur lebt nicht nur vom globalem Konsum, von Zeit zu Zeit muss es neue Strömungen und Ideen geben, die jenseits bekannter Acts und Bands Innovationen bieten. Ein ganz besonders interessantes Beispiel dafür ist der Mann, der sich Matisyahu nennt und derzeit mit seinem aktuellen Album ''Youth'' in den Top 5 der US-amerikanischen Charts steht. Das Besondere an Matisyahu: Er ist ein orthodoxer Jude, der moderne Raggae-Musik performt und somit eigentlich im Gegensatz zur strengen Auslegung der jüdisch-orthodoxen Lehre steht.
Anders als bei z. B. bei Madonna, die sich der jüdischen Lehre des Kabbala verschrieben hat und nur Elemente des Glaubens nutzt, ist Matisyahu zu hundertprozentig echt. Und dass das funktioniert, beweist eben die aktuelle Platzierung in den Charts. Offensichtlich scheint diese Art des orthodoxen Glaubens bei den Leute, nicht nur der gleichen Glaubensrichtungen, anzukommen. So füllt der ''rappende Rabbi'' spielend leicht die Clubs und sorgt so für eine neue Art der Lebensweise. Naturgemäß sind natürlich vornehmlich junge jüdische Menschen für diese Abwandlung der traditionellen Kultur empfänglich. Und so wundert es nicht, dass manche wirklich noch viel sehr orthodoxere jüdische Mitbürger in den USA die Nase rümpfen, wenn Matisyahu in jüdisch-orthodoxer aufmachen auf die Bühne geht und Pop-Musik zelebriert.
''In meinen Texten möchte ich Themen vertiefen, ich möchte den Dingen auf den Grund gehen und ihre Essenz begreifen'', beschreibt Matisyahu sein neues Album. ''Musikalisch wollten wir jedem in der Band die Möglichkeit geben, sich einzubringen und diese Sache zu seinem eigenen Projekt zu machen. Jedes Bandmitglied hat an der Musik mitgeschrieben, verschiedene Leute haben unterschiedliche Ansätze an den Tisch gebracht, alle haben sich beteiligt.'' Diese offene Zusammenarbeit (und eine monatelange gemeinsame Tour) brachte schließlich das Album ''Youth'' mit seiner ganz eigenen Dynamik hervor. ''Youth'' ist eine faszinierende Mischung traditioneller und moderner Klänge und Ideen. Das antreibende Titelstück mit der kämpferischen Parole ''Youth is the engine of the world'' (Es ist die Jugend, die die Welt voranbringt) basiert auf Matisyahus intensiver Beschäftigung mit Chabad, einer jüdischen Lehre.
Warum aber der Drang, aus dem traditionellen Rahmen auszubrechen und so sehr auf den Zug der populären Musik aufzuspringen? Matisyahu hat dafür seine eigene Erklärung: ''Wenn Teenager rebellieren, liegt es daran, dass irgendetwas nicht stimmt. Nicht mit ihnen, sondern mit ihrer Umgebung. Aber sie sind noch nicht weit genug, um herauszufinden, was es ist und wie sie es ändern können. Bei meiner Musik geht es darum, wie man diesen Übergang findet von einem wütenden Teenager zu einem erwachsenen Mann oder einer erwachsenen Frau, wie man sich selbst verändert und wie man das System verändern kann.''
Matisyahu will die Menschen also erreichen. Und das bezieht sich nicht nur auf Menschen seiner Glaubensrichtung. Ungeachtet ihrer eventuellen Religionszugehörigkeit beschreiben Künstler weltweit jene schöpferische Kraft, die sie durchdringt, als eine ganz besondere Macht. Matisyahu möchte die Botschaft von Frieden und Einheit weitergeben, die er in sich spürt, er möchte die Welt mit Hilfe seiner Musik zu einem besseren Ort machen und kein übergroßes Ego und kein weltliches Verlangen sollen diese Kommunikation stören.
''Das ist mein Ziel,'' sagt er. ''Ich habe es noch nicht erreicht, aber ich bin auf einem guten Weg.'' Auf jeden Fall bietet er nach austauschbaren Pop-Prinzesschen und Casting-Shows endlich wieder Musik, die authentisch und handgemacht ist. Derartiges hat lange Zeit gefehlt und war schlichtweg nicht vorhanden. Besonders charmant ist allerdings die Tatsache, dass Matisyahu nicht ein Image aufgelegt hat und dies zu kultivieren versucht. Der Mann ist wahrlich echt verkörpert reelle Werte - natürlich auch spirituelle, denn Gott ist bei seinen Konzerten immer dabei.


