Waren es im letzten Jahr noch 9.000 Besucher, die sich auf dem Reeperbahnfestival tummelten, so ließen sich in diesem Jahr sogar schon 12.000 Hamburger und Umländer auf das mutige Konzept des Reeperbahn Festivals ein. Und das ist nicht selbstverständlich, zumal das Kiez-Fest kein Festival ist, wie man es sonst vom Hurricane, Roskilde und Co. kennt. Denn da rockt zumeist auf einer bis maximal drei Bühnen alles, was Rang und Namen hat. In Hamburg soll das ganze jedoch möglichst ohne zu kommerzielles Line-Up auskommen. Große Headliner, also das typische Open Air Massenprogramm auf die Bühne zu bringen, ist in St. Pauli nicht das Ziel. Vielmehr wird eine große Bandbreite an verschiedensten Stilrichtungen auf möglichst viele Bühnen Rund um den Kiez gebracht. Der Festivalgänger hat somit eine sehr viel größere Qual der Wahl.
Die Wurzeln für diese Form des Festivals liegt in Austin, Texas. Hier schließen sich einmal im Jahr für das bereits etablierte SXSW-Festival diverse Musikclubs und Bars für das fünftägiges Event zusammen. Präsentiert wird vor Allem neue Rockmusik aus aller Welt. Das schöne an dieser Art der Massenunterhaltung ist, dass Newcomern eine Plattform geboten wird und sie sich somit auch international einen Namen machen können. Im letzten Jahr trat zum Beispiel ein gewisser Paolo Nutini auf der Hamburger Vergnügungsmeile auf. Ihn kannte damals noch kein Mensch, und heute ist er bekanntlich einer der vielversprechendsten neuen Talente. Auch in diesem Jahr werden bereits einige Namen genannt, die beim Publikum besonders herausragten. Im Angie's Nightclub bezauberte die Israelin Ofrin mit ihrer Ausstrahlung das Publikum und sorgte mit ihrer Ausnahmestimme für offene Münder. Auch Maria Mena wird schon jetzt als neues Popsternchen am Norwegischen Himmel gehandelt, und der ist bekanntlich besonders klar.
So schön es ist, Talente wie diese zu entdecken, so bitter ist der Nachgeschmack, dass man sich aufgrund der logistischen Probleme einfach recht wenige Künstler anschauen kann. Auch die Bandbeschreibungen in den Festival Guides helfen einem nicht, wenn man ständig von Club A nach Club C und danach zu E tigern muss. Da ist die Entfernung zwischen den Clubs eben manchmal doch zu groß, als dass man wirklich alle interessanten Newcomer anschauen könnte. In diesem Jahr kam erschwerend hinzu, dass das Wetter den Veranstaltern leider einen ziemlichen Strich durch die Rechnung machte. Besonders die Bands, die teilweise zum ersten Mal auf einer großen Bühne stehen durften, wurden Opfer dessen, was da vom Himmel kam. Schade, denn Newcomer wie Nukular, um nur eine der neuen deutschen Hoffnungsträger zu nennen, mussten vor einer handvoll Leuten spielen. Und das Wetter versprach keine Besserung.
Obwohl der Hamburger sein Schietwetter gewohnt ist, fand er das, was Petrus da vom Himmel schickte nicht wirklich witzig. Es regnete sprichwörtlich Bindfäden, und am Samstag blitze und donnerte es sogar. Das wiederum füllte die Clubs natürlich ziemlich schnell, und bereits nach kurzer Zeit waren diese so voll, dass sich große Schlangen bildeten. Diejenigen, die es bis in den Club geschafft hatten, gingen natürlich so schnell nicht wieder, und alle anderen ließen sich entweder nass regnen oder konnten die wenigen Hauptacts eben nicht sehen. Hier sind ganz bestimmt als Highlights Bands wie Ash, oder Tele zu nennen, die bereits am Donnerstag im D-Club eine gute Einstimmung auf die kommenden Tage lieferten. Auch die Jungs von Hard-Fi sorgten für ein rappelvolles Haus und brachten das Grünspan zum schwitzen. The (International) Noise Conspirancy enttäuschten ihre Fans im Uebel und Gefährlich nicht und legten mal wieder einen grandiosen Live Auftritt hin.
Als einer der Headliner wurde bereits im Vorfeld schon Juliette And The Licks hoch gehandelt. Die Rockröhre stand am Samstagabend im D-Club auf der Bühne. Und wer es trotz der ewig langen Schlange vor dem Club noch bis hinein geschafft hatte, spürte fast keinen Unterschied zur verregneten Außenwelt. Auch im Club selber glaubte man, dass es von der Decke regnete. Das lag zum einen an der aufgeheizten Stimmung im Publikum, aber auch an einer ziemlich heißen Juliette, die auf der Bühne rockte, bis der Arzt kommt. Der kam jedoch eher selten. Die Sanitäter hatten bis auf kleine Schwächeanfälle keine weiteren Vorfälle zu vermelden. Alles in Allem war das diesjährige Reeperbahn Festival also ein gelungenes Event. Und übrigens: Eine 90-minütige Zusammenfassung der Festival-Highlights ist am 19.11. um 0.4 5Uhr im WDR zu sehen.


