Wenn Tokio Hotel in der Stadt sind, dann spielen die Teenies verrückt. Das ist quasi ein Gesetz, und auch Hamburg machte da keine Ausnahme. Die Bitte der Tourleitung an die Fans, doch erst am selben Tag ab 9 Uhr morgens vor der Halle aufzutauchen, um sich den besten Platz in der Schlange zu ergattern, wurde selbstverständlich dezent ignoriert. Aber bei sommerlichen Temperaturen, die auf dem Parkplatz der Color Line Arena herrschten, konnten die Camper immerhin froh sein, dass die "Zimmer 483" Tour um einige Monate nach hinten verschoben wurde.
Was macht diese vier Jungs so besonders, fragt man sich, während man einige Stunden vor dem Konzert das Gelände der Mehrzweckhalle betritt und sich durch die Menge hunderter singender und kreischender Mädels kämpft. Gut, ein bis zwei Jungs sind auch dabei, aber die verschwinden schnell in einer Schilder-, Plakate- und Bannerflut. Auf großen Lettern steht "Bill, ich will ein Kind von Dir", "Tom – wir lieben Dich" und andere Slogans, die an dieser Stelle nicht weiter erwähnt werden sollen. Den Teenies geht es, von einigen Sonnenstichen und Kreislaufschwächen einmal abgesehen, bestens. Das Hallenpersonal ist gut vorbereitet und stellt Dixi-Klos und Wasser zur Verfügung. Auch einige Sanitäter sind vor Ort. Sie spendieren jedoch meist nur Wärmedecken und beruhigende Worte.
16.30 Uhr. Die Türen zur Halle öffnen sich. Doch dann: das erste kleine Drama in der Schlange – Ausweiskontrolle! Wer unter 16 ist, also keinen Ausweis bei sich führt, benötigt eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern. Da nützt auch kein Flehen, Zetern und Verweise darauf, wie lange man schon vor der Halle campt. Wer Tokio Hotel erfahren ist, weiß das und bringt Mama oder Papa im besten Fall gleich mit. Elternteile sieht man überhaupt erstaunlich oft, allerdings meist einen Schritt hinter dem fiependen Nachwuchs, damit es den Kleinen nicht allzu peinlich ist. Wer die erste Hürde überstanden, und es unbeschadet und mit zittrigen Händen in die Arena geschafft hat, fühlt sich als Sieger. Spätestens jetzt kullern die ersten Tränen der Erleichterung.
18.30 Uhr. Die Halle ist fast vollständig gefüllt. Die Fans kreischen sich schon mal ein, besonders, wenn auf den großen Leinwänden ein Spot mit Tokio Hotel zu sehen ist. Aber ganz schlimm wird es, wenn das Licht ausgeht. Nicht doch, ist doch bloß die Vorgruppe… netter Girlrock à la Silbermond mit Wiener Schmäh. Danach wird eine halbe Stunde umgebaut, und nur die Mutigsten trauen sich jetzt noch, auf die Toilette zu gehen - das kann man auch ausschwitzen! Um punkt 19.30 Uhr ist es dann soweit – Ausnahmezustand. Die großen silbernen Platten werden nach oben gezogen und die ersten Klänge von Tokio Hotel sind zu hören. Das heißt: eigentlich sind sie nicht zu hören. Gekreische wie zuletzt bei den Beatles gehört, tönt von allen knapp 15.000 Sitzen der Arena, dazu Getrampel auf den Rängen. Ein ohrenbetäubender Lärm. Und die Jungs sind gut drauf. Sie rocken die Halle, wie man heute so allumfassend sagt. Bill versichert, dass Hamburg eine seiner Lieblingsstädte sei und kündigt an, dass es ganz sicher noch ein drittes Konzert in der Halle geben werde. Gekreische.
Die Sanitäter haben alle Hände voll zu tun, kreislaufgeschwächte Mädels wieder aufzupäppeln, aber nach einigen Minuten geht es auch denen wieder gut. Bill und Co spielen sowohl neue Stücke ihres aktuellen Albums, aber auch Klassiker wie "durch den Monsun" und "Schrei" durfte nicht fehlen. Bill scheint das Gekreische auch sichtlich zu gefallen. Er dirigiert und koordiniert die Stimmbänder "seiner" Mädels durch eingeworfene Kommentare, aber eigentlich reicht auch schon sein breites Grinsen. Später holt er sich sogar einen Fan auf die Bühne. Sehr zur Freude des Mädchens, das immer wieder verlegen ihr Trägershirt zurecht zubbelt, während sie mit dem Sänger über die Bühne hüpft.
20.30 Uhr. Nach lautstarken Zugabe Rufen kommen Bill und Tom noch einmal auf die Bühne und überraschen mit einem Akustik-Set. "Rette mich" mit Gänsehaut-Faktor. Da bekam selbst Mitbringsel Mami feuchte Augen. Natürlich beglückten die Jungs ihre Fans auch noch mit einer zweiten Zugabe und verschwanden schließlich unter silbernem Lametta in Richtung Backstage-Bereich. Die allermeisten Fans wären ihnen dorthin sicher gern gefolgt. Da das allerdings ein logistisches Problem dargestellt hätte, sah die Security davon ab. Und so gingen die 9-18 Jährigen glücklich und traurig aber immer noch kreischend aus der Halle, wo ihre Eltern schon im Auto warteten, um sie nachhause zu kutschieren. Am nächsten Tag ist schließlich Schule.
Der Nachgeschmack für einen Außenstehenden: Faszination. Irgendwann bewundert man Tokio Hotel für die Leichtigkeit, mit der sie ihre Gigs abreißen. Man hat irgendwie das Gefühl, dass Bill und Co selbst nicht so ganz verstehen, was da gerade mit ihnen passiert. Vielleicht ist das ja auch gerade das Erfolgsrezept dafür, dass auch unsere Nachbarländer schon ganz scharf auf die Band sind. Übrigens: Angeblich wollen Tokio Hotel jetzt sogar den Sprung über den großen Teich wagen. Neuesten Gerüchten zufolge, ist für den Herbst dieses Jahres eine Tour durch die USA geplant.

