Seit März ist das neue Album "Strom und Drang" von Fettes Brot erhältlich. Wir trafen Doktor Renz und Björn Beton aka Schiffmeister in ihrem Hamburger Studio, um über das aktuelle Album, deutschen HipHop und den idealen Fan zu sprechen.
POOLTRAX.com: Glückwunsch zum aktuellen Album! "Sturm und Drang" ist bekannt als Bezeichnung für eine Literaturepoche, die auch "Geniezeit" genannt wurde. Euer Album heißt ja "Strom und Drang". Steht das in irgendeinem Zusammenhang?
Der Titel fürs Album ist entstanden, als die Platte schon fertig war. Wir haben Eindrücke gesammelt. Das Album ist ziemlich unruhig und auch recht laut geworden. Dafür wollten wir natürlich einen vernünftigen Titel finden und kamen zunächst auf "Sturm und Drang". Da das Album aber teilweise elektrolastig ist, haben wir es dann einfach noch in "Strom und Drang" umgetauft. Mit der "Geniezeit" hat das allerdings nichts zu tun... Wir wussten gar nicht, dass diese Zeit so genannt wurde... Obwohl wir uns natürlich für Genies halten... (Lachen)
POOLTRAX.com: Erstmals habt ihr ein Album vorab auf einer Clubtour getestet. Hat diese Maßnahme eure Erwartungen erfüllt?
Das war eine absolute Neuerung für uns - sehr aufregend und ein tolles Gefühl, dass Musik, die noch keiner kennt, so wohlwollend aufgenommen wird. Wir hatten bei der "Bette Frost"-Clubtour extra alles ziemlich klein gehalten, so dass auch wirklich nur echte Fans bei den Auftritten dabei waren. Es war ein tolles Gefühl, Songs zu spielen, die so außer uns noch niemand gehört hatte. Teilweise konnten die Fans spätestens ab dem zweiten Refrain die Texte von den neuen Songs mitsingen! Das spricht für die Qualität der Songs, vor allem aber für die Intelligenz unserer Fans...
POOLTRAX.com: Die erste Single "Bettina, zieh dir bitte etwas an" ist schon sehr erfolgreich gelaufen. Wird das denn bei euch jetzt Tradition, Songs mit Frauennamen im Titel zu veröffentlichen?
Ja, man könnte sich denken, dass wir das absichtlich gemacht haben. So ist das aber nicht - das wäre eine zu stumpfe Idee. Hätte das einer von uns ernsthaft vorgeschlagen, wäre er von den anderen ausgelacht worden. Ganz sicher... Das ist im Studio entstanden. Erst als der Song fertig war, haben wir überhaupt gemerkt, dass das ja wieder ein Frauenname im Titel ist. Noch dazu mit "A" am Ende. Ansonsten haben die Song aber überhaupt nichts gemeinsam - es war einfach Zufall. Da "Bettina, ..." nun ja aber gut gelaufen ist, werden wir beim nächsten Album wohl keinen Song mehr mit einem Frauennamen im Titel nehmen. Schließlich könnte man uns dann wirklich Absicht vorwerfen...
POOLTRAX.com: Auf dem Album gibt es neben bewährten Partysongs auch sozialkritische Titel wie "Automatikpistole" oder "Ich lass dich nicht los". Seid ihr reifer geworden? Wollt ihr vom Party-Image wegkommen?
Ja und nein. Reifer weil älter sind wir mit Sicherheit geworden. Das bleibt nicht aus. Wir hatten auf unseren Platten aber immer schon ernste und sozialkritische Themen, der Anteil von ernsten und humorvollen Titeln hat sich unserer Ansicht nach nicht geändert. Möglicherweise hat man uns früher richtig ernste Titel einfach nicht zugetraut und deswegen entsteht jetzt eine andere Sichtweise. Außerdem sind unsere Songs eigentlich ziemlich vielschichtig, so dass man verschiedene Meinungen innerhalb der Titel entdecken kann. "Bettina, ..." ist zum Beispiel auf jeden Fall ein absoluter Party-Titel, andererseits aber auch ein Titel, der deutlich machen soll, dass die Gesellschaft absolut übersexualisiert ist.
POOLTRAX.com: Wenn ihr euch für eine Aussage entscheiden müsst: Wollt ihr die Fans lieber unterhalten oder emotional berühren?
Das ist ähnlich wie bei der letzten Frage. Es gibt keine einheitliche Sichtweise. Selbst auf einer Party kann man richtig viel Spaß habe und "Party machen", gleichzeitig aber das Geschehen bewusst wahrnehmen und sich darüber seine Gedanken manchen. Das ist eigentlich keine "Entweder-Oder-Geschichte". Wichtig ist, wie es bei den Fans ankommt. Der ideale Fan hat ein lachendes Auge, ein weinendes Auge und ähhhm... 'ne offene Hose... (Lachen) eine Gehirnhälfte ist mit dem Spaß, der Musik und der Party beschäftigt und gibt den euphorischen Part, die andere arbeitet soziale Missstände auf und macht sich dazu eine eigene Meinung.
POOLTRAX.com: Das letzte Album "Am Wasser gebaut" war bisher eure kommerziell erfolgreichste Platte. Wie wichtig sind euch gute Platzierungen in den Charts?
Die Charts sind ein Aspekt der Musik. Das gehört dazu und eine gute Platzierung in den Charts steigert natürlich das Selbstbewusstsein. Während des Musikmachens darf der Gedanke daran aber nicht im Weg stehen. Wenn man dabei immer schon daran denkt, ob das, was man grade macht, anderen gefallen könnte oder nicht, ist es der falsche Weg. Es kommen dann einfach keine guten Songs zustande. Bei der Produktion des neuen Albums gab es mal so eine Phase. Da hat man sich gefragt, ob das Material denn nun gut ist und ob das so in Ordnung sei - für Außenstehende! Davon muss man sich befreien, sonst gibt es eine Blockade, die man so leicht nicht mehr loswird. Das mit den Charts ist dann die Ernte, die man einfahren kann. Deswegen sollte man diesen Punkt aber nicht von Anfang an in den Vordergrund stellen und nur danach handeln.
POOLTRAX.com: Es gibt euch jetzt seit 1992. Wenn ihr euch die Zeit anschaut - wie hat sich die Musikbranche und die Szene um eine herum verändert?
Was Rap-Musik angeht haben wir schon viele kommen und gehen sehen... nur Fettes Brot bleibt bestehen... der alte Dinosaurier (Lachen). Das Musik-Fernsehen hat sich sehr verändert, sei es nun in Punkto Klingelton-Werbung oder Dating-Shows. Bei den Musik-Videos ist die eigentliche Aufgabe des Musik-Fernsehens heute abgeschwächt. Auch warten die Leute nicht mehr unbedingt, bis sie neue Musik auf VIVA oder MTV sehen, sondern hören sich die neuen Sachen lieber gleich im Internet an. Heute gibt es Lieder, die ganz ohne Video im TV erfolgreich geworden sind. Außerdem entwickeln sich viele neue Sachen unglaublich schnell, sei es nun, wie man Musik abspielt oder sie sich besorgt. Heute würde wohl kein 14-Jähriger mehr bei seiner Konfirmation darauf bestehen, dass an der Stereo-Anlage auch ein Plattenspieler dran ist. Bei uns war das damals anders... Die Entwicklung kann man nicht aufhalten. Deswegen sehen wir uns mehr als "staunende Beobachter"...
POOLTRAX.com: Wie steht ihr zum HipHop der härteren Gangart von Leuten wie Bushido, Massiv oder Sido?
Das Thema HipHop ist viel zu komplex, um einzelne Rapper oder Acts ohne den umgebenden Zusammenhang zu bewerten. Einige Sachen sind ganz gut, mit anderen können wir wenig anfangen. Natürlich beschäftigen wir uns täglich mit Rap-Musik, das gehört zum Job als HipHop-Künstler. Und wie gesagt: Einige Sachen sind ganz amüsant. Teilweise erinnert aber viel an amerikanische Verhältnisse in Sachen HipHop, das gilt dort besonders für die Texte, die teilweise unmöglich sind, wenn man sie sich mal übersetzt. Das gilt aber auch für Deutschland. Man kann aber durchaus Sachen ganz gut finden, auch wenn mal selbst diese Meinung niemals vertreten würde. Schließlich handelt es sich ja immer noch um eine Form der Unterhaltung. Das sollte man nicht vergessen. In den USA ist HipHop entstanden, weil Menschen sich Luft machen wollten, frustriert waren, oder mit bestimmten Dingen nicht klar gekommen sind. Möglicherweise ist der HipHop in Deutschland auf dem Weg zu den eigentlichen Ursprüngen dieses Musikgenres.
POOLTRAX.com: Vielen Dank für das Gespräch!

