Fettes Brot Interview
Mit dem Sniper ins Stadion
Passend zur Volljährigkeit der Band veröffentlichen Fettes Brot mit den beiden Alben "Fettes" und "Brot" zwei großartige Livealben. POOLTRAX hat die drei Jungs zum Interview getroffen und über die neuen Alben, die kommende Tour und den Abschluss einer Ära gesprochen.
POOLTRAX: Nachdem euer Album "Strom und Drang" große Erfolge gefeiert hat meldet ihr euch jetzt mit zwei Livealben und der ersten Singleauskopplung "Jein 2010" zurück. Wieso ausgerechnet dieser Track?
König Boris: "Jein" war damals der erste richtig große Hit, wenn man mal von "Nordish by Nature" absieht. Es war am längsten her und damit irgendwie auch am reizvollsten. Auch im Zusammenhang mit dem Cowboyvideo. Die Idee dazu ist schon etwas älter.
Dokter Renz: Ja, wir haben so ein traditionellen Treffen an der Nordsee, das bereits seit einigen Jahren stattfindet und dabei kam uns dann auch die Idee, dass diese Idee die Richtige sein könnte.
Björn Beton: Ich glaube es hat ursprünglich auch etwas damit zu tun, dass ich schon immer gerne ein Video nachdrehen wollte. Ich wollte z.B. schon immer mal "Wild Boys" von "Duran Duran" exakt, Bild für Bild nachdrehen. Das war schon immer mein Traum und ich glaub aus dieser Idee ist dann auch die Idee gewachsen, für das Video zu "Jein 2010" eine upgedatete Version zu machen. Beim Produzieren der Songs haben wir bereits gemerkt, dass die Version die wir von "Jein" machen wirklich sehr geschmackvoll ist und total super wird.
König Boris: "Jein" ist besonders auf Tour immer ein ganz besonderer Moment.
POOLTRAX: Die Idee zum Videodreh kam also von euch oder hat jemand anderen euch den Impuls dazu gegeben?
König Boris: Nein, das hatten wir schon lange im Kopf.
POOLTRAX: Ist die Version von "Jein 2010" eine komplette Liveaufnahme?
Dokter Renz: Ja, es ist komplett live aufgenommen. Die einzige Bearbeitung an dem Song ist, dass wir den Song im Studio noch mal neu abgemischt haben. Der Song selbst ist so in der "Color Line Arena" in Hamburg aufgezeichnet worden.
POOLTRAX: Der Anfang von der neuen Version von "Jein" heißt: "Es ist 2010 und verdammt lang her". 2000 habt ihr euch bereits als Hip-Hop-Dinosaurier bezeichnet. Was seid ihr jetzt - zehn Jahre später?
Dokter Renz: Urzeitkrebse!
POOLTRAX: Wie habt ihr diese letzten zehn Jahre verbracht? Wie war die Zeit für euch?
Dokter Renz: Es ist für uns in der Rückschau immer wieder faszinierend, dass uns all die Jahre immer wieder etwas Neues eingefallen ist und wir nie stehen geblieben sind. Auch das es stetig bergauf ging was die Zuschauerresonanz angeht bei Konzerten. Wie ich finde haben wir viele schöne Zwischenschritte mit tollen Alben angeliefert haben und gerade unter diesem Aspekt finde ich diese Platten so großartig. Man kann die beiden Livealben als Abschluss dieser Ära "Fettes Brot" verstehen, weil man die Platte auch als eine Art "Best-of-Album" sehen kann. Auf den Alben befinden sich neben den großen Hits auch Raritäten, die nur B-Seiten-Freaks bekannt sein dürften und es ist vor allem eine Neuerfindung des "Brots" da die Platten haben einen großartigen Sound.
Björn Beton: Ich habe das Gefühl wir sind, evolutionär betrachtet, das "Missing Link". Man muss sich das mal so vorstellen: Als wir damals gesagt haben, wir sind Hip-Hop-Dinosaurier war Hip-Hop quasi tot - die Dinosaurier eigentlich schon ausgestorben. Jetzt sind wir, also wirklich nur evolutionär betrachtet, das "Missing Link" zwischen dem Affen und dem Menschen.
POOLTRAX: Spricht man die Jahre 2003 bis 2008 an, in denen der deutsche Hip-Hop eine etwas schmutzigere und aggressivere Richtung angenommen hat und von dem qualitativ gesehen nicht viel übrig geblieben ist, seid ihr dann nicht eher eine Art Wiederauferstehung?
Björn Beton: Ich glaube es hat etwas damit zu tun, dass wir uns zwar schon immer selber als eine Rap-Band definiert haben, wir uns aber trotzdem nicht musikalisch festgelegt haben. Wir hatten somit immer die Möglichkeit größer zu werden als unsere musikalische Schublade. Klar, Rap-Musik ist das womit alles angefangen hat, aber wir haben inzwischen eine eigene Musikrichtung daraus kreiert. Es geht ja auch für uns nicht darum nur Rap-Handwerk zu machen und zu gucken was die amerikanischen Rapstars zu machen, sondern wir wollen eine Kunst daraus machen und gucken was für Ideen in uns stecken und was für Musik wir daraus machen können. Dazu gehören viele andere Musikrichtungen. Wenn wir uns jetzt mit unserer Band treffen, dann treffen 11 talentierte Musiker und ebenso verschiedene Musikstile aufeinander, da passiert immer irgendwie was Spannendes.
POOLTRAX: Ist das auch der Grund, weshalb ihr euch immer wieder ein Pseudonym zulegt? Man erinnere an dieser Stelle an die D.O.C.H.-Single.
König Boris: Nein, dafür brauchen wir eigentlich keine anderen Pseudonyme. Das haben wir einfach gemacht, weil wir es konnten. Wir wollten einfach mal ein bisschen rumprobieren. Solche Sachen machen wir viel zu unserem eigenen Vergnügen. Wir haben gemerkt, dass in unseren "Fettes Brot Kosmos" genug Platz ist und wir uns deswegen keinen anderen Namen zulegen müssen.
POOLTRAX: Ist ein solches Projekt in nächster Zeit wieder geplant?
König Boris: Wenn das so wäre, dann würden wir das jetzt noch nicht verraten. Wir können aber versprechen, dass da viel kommt. Die Schubladen sind voller Ideen und Songs.
Dokter Renz: Also wenn wir jetzt sterben würden, dann könnten wir noch sicher 6 Alben aufnehmen.
POOLTRAX: Dokter Renz du hast vorhin gesagt, dass die neuen Alben Abschluss einer Ära sind. Das heißt jetzt aber nicht, dass bald erstmal zehn Jahre Pause ist, oder?
Dokter Renz: Also an Stelle der Leser würde ich mir das Album kaufen, wer weiß was passieren wird. (lacht) Nein, es geht jetzt erstmal auf Promotiontour. Danach kommt dann die richtige Tour und man muss sich erstmal keine Sorgen machen.
Björn Beton: Ich glaube man kann das ganze als Ende einer Ära ansehen, weil man noch nie das Erlebnis "Fettes Brot - Live" auf einer Platte Zuhause haben konnte. Wir bieten somit die Möglichkeit sich dieses Gefühl, uns Live zu hören, nach Hause zu holen. Logischerweise finden wir es dann auch noch mal interessant vor diesem neuen Publikum, welches wir ja mit den Liveaufnahmen angelockt haben, zu spielen. Ich muss aber zugeben, dass ich im ersten Moment auch gedacht habe, das diese Livealben eventuell nur ein Ergebnis der Tour 2008/2009 sein könnten, in Wirklichkeit bieten sie uns aber die Gelegenheit neues Publikum zu begeistern. Wir freuen uns auch wie kleine Schneekönige darüber, dass wir innerhalb von 72 Stunden drei Mal die "Große Freiheit" hier in Hamburg ausverkaufen konnten und wir einen weiteren Termin in der "Color Line Arena" für Dezember bestätigen konnten. Außerdem freuen wir uns auch, dass wir in Köln jetzt schon das dritte Mal die Location ändern mussten, weil die Resonanz einfach so gigantisch war. Ich hab schon das Gefühl, dass andere Leute Fettes Brot als Liveband entdecken.
POOLTRAX: Genau, einige Termine und Locations mussten verlegt werden. Habt ihr einfach nicht damit gerechnet, dass die Nachfrage für die Tickets so groß sein wird? Oder wolltet ihr einfach erstmal nur tief stapeln?
Björn Beton: Nein, der Größenwahn ist uns ja eigentlich angeboren. Und in Köln z. B. ist das normal, dass wenn eine Location ausverkauft ist, wird in die nächst größere "umgezogen". So ist es für uns auch das erste Mal in Köln in der Kölnarena zu spielen.
Dokter Renz: Aber auf die Befürchtung, dass wir eine längere Pause einlegen könnten, zurückkommend, kann man glaub ich sagen, dass wir weiterhin viel Spaß haben Musik zu machen und werden auch noch einiges von uns hören lassen.
POOLTRAX: Habt ihr für die Tour wieder etwas Besonderes geplant?
König Boris: Unbedingt! Wir versuchen natürlich speziell in großen Hallen etwas Besonderes zu bieten. Wir spielen ja nie einfach nur unsere Songs runter, sondern streben immer ein besonderes Erlebnis an. Man kann also nicht damit rechnen, dass wir die neuen Alben 1:1 runterspielen werden und dann die Bühne verlassen.
POOLTRAX: Ist dieses Jahr denn irgendwas in Hinsicht auf die Fußball-WM geplant?
Björn Beton: Ja, Fernseher an, Bier öffnen und zugucken. (lacht)
Dokter Renz: Wir konzentrieren uns dieses Jahr eher auf den potenziellen Aufstieg vom FC St. Pauli.
Björn Beton: Dann kann man an dieser Stelle ja auch gleich erwähnen, dass wir am 29.5.2010 bei der Feier zum 100. Geburtstag vom FC St. Pauli im Millerntorstadion spielen werden.
POOLTRAX: Aber konkret ist in dieser Richtung nichts geplant?
Dokter Renz: Wir haben zum Zeitpunkt der letzten WM einen untypischen Fußball-Song gemacht. "Fußball ist immer noch wichtig" hat ja schon damals impliziert, dass man diesen Song immer wieder hören kann, da Fußball immer noch wichtig ist.
Björn Beton: Wobei ich jetzt nicht ausschließen will, dass wir während der WM nichtirgendwo spielen. Der Termin in der Kölnarena fällt, glaube ich, mit in diese Zeit und vielleicht ergibt sich da spontan dann etwas. Ich würde es daher nicht ausschließen, dass wir auf einem Fan-Fest spielen. Wir waren bei der letzten WM bei einem Spiel in Kaiserslautern bei der Partie Italien - Australien und das war ein total schöner Abend.
König Boris: Genau, da waren wir erst im Stadion und dann noch auf der Fanmeile.
POOLTRAX: Und das klappt auch noch - mit dem freien Bewegen auf der Straße?
König Boris: Nein!
Dokter Renz: Aber das war uns total egal.
POOLTRAX: Wie weit kommt man denn da?
König Boris: Man kommt immer so schrittweise vorran. Man plant das natürlich aber auch mit ein wenn man zu so einer Massenveranstaltung geht, dass man dann auch erkannt wird und die Leute Fotos oder Autogramme wollen.
Björn Beton: Ein Geheimnis ist: Immer in Bewegung bleiben.
POOLTRAX: Aber ihr habt dann nicht Security dabei, oder?
Björn Beton: Doch doch, ich hab die beiden dabei und die haben auch jeweils die Anderen. Wir passen gegenseitig auf uns auf.
POOLTRAX: Das kann man sich fast denken, ihr habt aber nicht noch irgendwelche Maßnahmen "on-top", oder?
Björn Beton: Na ja, wir haben auch immer irgendwo einen Sniper positioniert. (lacht)
POOLTRAX: "Jein 2010" kommt als digitaler Download raus - gleichzeitig aber auch die Zusammenarbeit zwischen Dokter Renz und Ruben Cossani. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?
Dokter Renz: Die haben es mir erlaubt. Ich pflege schon seit Jahren eine Freundschaft zu Michel van Dyke. Und wir haben uns eines Tages darüber unterhalten, dass die Band für ihre Single gerne eine Variation ihres Songs "Raus" haben möchte, weil im Original ein längerer Chorpart zu hören war, welcher nicht so radiotauglich ist. So kam es dann dazu, dass ich zwei Rap-Strophen für diesen Song geschrieben habe und beigesteuert habe.
POOLTRAX: Gibt es für euch denn sonst noch Wunschpartner, mit denen ihr gerne etwas machen würdet?
König Boris: Ja, dieses Jahr ist es soweit! Wir spielen zusammen mit De La Soul bei dem "Baltic Soul Weekend". Die werden da ebenfalls auftreten und wir werden sie hoffentlich endlich mal kennen lernen.
Dokter Renz: Die sind auch nicht ganz unschuldig daran, dass wir Rap-Musik machen. In Zusammenarbeit mit Run-DMC und den Beastie Boys, waren sie es, die am lautesten gerufen haben: Macht doch mal 'ne Gruppe auf.
Björn Beton: Aber auch international gesehen, gibt es glaub ich einige Künstler die sehr interessant sind und mit denen es eine große Freude wäre Musik zu machen. National gesehen ist eine Zusammenarbeit natürlich etwas leichter. Das haben wir in der Vergangenheit ja auch schon öfters gemacht, z. B. mit Modeselektor oder mit Mieze von MIA. Und in Zukunft wird es sicherlich auch noch das ein oder andere Mal passieren, dass wir jemanden anrufen und fragen, ob die Person Lust auf eine Zusammenarbeit hätte.
POOLTRAX: Bei dem Film "Deichking" habt ihr ja eine mehr oder weniger große Rolle als "Fette Brötchen" gespielt. Wurdet ihr dazu angefragt, oder wie kam es dazu?
Björn Beton: Genau, wir wurden angefragt. Die sind hier eines Tages aufgetaucht und meinten, dass sie vor Jahren mal einen Kultfilm gemacht haben, von dem sie jetzt eine Neuauflage machen wollen und ob wir dabei nicht mitmachen würden. Und wir haben uns dann einfach nicht lange bitten lassen, sondern haben direkt zugesagt.
Dokter Renz: Wir sind normalerweise sehr kritisch, was solche Projekte angeht. Und bei dem Mal haben wir uns ganz intuitiv dazu entschlossen mitzumachen.
POOLTRAX: Vielen Dank für das Gespräch!
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