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31.3.2011

BOSSE Interview: Für die Frau bleibt keine Zeit

BOSSE Interview: Für die Frau bleibt keine Zeit | Top Story
BOSSE Interview
Für die Frau bleibt keine Zeit

Wer zum Ende der Schulzeit mit der Schülerband einen Plattenvertrag erhält, der scheint Glück gehabt zu haben. Wer dann auch mit seinem Soloprojekt einen Plattenvertrag erhält, befindet sich offensichtlich etwas richtig gemacht. Und wer dann, ganz ohne Plattenvertrag ein Album veröffentlicht und dies mehr als nur Achtungserfolge erzielt, der hat wohl ganz einfach Talent. Diese Beschreibung trifft voll und ganz auf BOSSE zu. Wir trafen den Wahlhamburger zwischen Radioterminen und Tourvorbereitungen zu seinem vierten Album "Wartesaal".

POOLTRAX: Das neue Album trägt den Titel "Wartesaal". In welchem Wartesaal hast du zuletzt gesessen?

BOSSE: Das letzte Mal auffälliger Weise beim Fotoshooting in Tokio. Da gab es paar schöne Wartesäle. Und dort sind die Wartesäle auch noch so wie man sich die vorstellt. Richtig alte Gemäuer, klein und verraucht. Verraucht deswegen, weil man in Tokio ganz oft nur drinnen rauchen darf.

POOLTRAX: Wo wir gerade bei Tokio sind. Das Video zur ersten Singleauskopplung "Weit Weg" habt ihr dort gedreht. Weshalb so weit weg?

BOSSE: Ich dreh schon seit dem ersten Video zur ersten Single "Kraft" mit einem Typen und einem Mädel zusammen. Das sind Freunde von mir aus Braunschweig und wir haben nun schon 10 Videos oder so zusammen gedreht. Das Video zu "Kraft" war damals auch deren ersten richtiges Video und das haben wir von 300 Mark damals produziert. Inzwischen arbeitet er auch für andere Bands wie Tokio Hotel oder Fettes Brot. Und mit mir wollte er auch immer mal ein Video außerhalb von Deutschland aufnehmen, hat öfters zu mir gesagt "Komm wir fliegen nach Kapstadt" oder so. Leider war bei mir aber nie das Geld für eine solche Videoproduktion vorgesehen oder vorhanden. Jetzt der Dreh in Tokio war eigentlich eine Belohnung dafür, dass er auch bei den Videos zum "Taxi"-Album nur für Handgeld gearbeitet hat.

POOLTRAX: Im Hinblick darauf, dass ein Sender wie MTV nun nur noch für zahlende Zuschauer verfügbar ist, bist du der Meinung das Videos in der heutigen Zeit trotzdem noch eine wichtige Bedeutung haben?

BOSSE: Ich glaube, dass die immer wichtiger werden. Das Musikfernsehen hat sich ja eh verändert. Aber das ZDF macht nun einen neuen Kulturkanal, da könnte das wieder wichtig werden. Vorrangig schaut man sich ja die Videos heutzutage aber über Vimeo, YouTube oder all die anderen Videoportale an. Und dort sucht man sich ja auch die Videos selbst aus. Ich glaube, dass das Bild zum Ton überlebenswichtig ist für son' Song. Da man dort die Möglichkeit hat, Bilder sprechen zu lassen. Es ist der beste Weg um Emotionen, welche der Song mit sich bringt, zu verstärken. Früher hat man Videos zwischen Chips auf der Couch essen und mal kurz auf die Toilette gehen geschaut und heute ist es einfach bewusster geworden. Und das auch, obwohl das Internet so ein schnelles Medium ist. Und das schöne an den Videos heute ist, dass man wieder alles darf. Man darf rauchen und trinken ohne darauf Rücksicht nehmen zu müssen, dass VIVA oder MTV das Video deshalb nicht zeigen. Man ist, was die Videos angeht sein eigener Chef.

POOLTRAX: Apropos eigener Chef. Das letzte Album "Taxi" wurde ohne Plattenlabel im Eigenvertrieb veröffentlicht. Jetzt bist du bei "Universal" unter Vertrag. Was ist der größte Nutzen an einem Plattenlabel und was die größten Mankos?

BOSSE: Für uns war es damals so, dass wir mit einem ziemlich kleinen Team wirklich viel gestemmt haben. "Taxi" hat dafür, dass wir das mit einem so kleinen Team und so wenig Geld gearbeitet haben, extrem gut funktioniert. Damit hat von uns damals keiner gerechnet. Am Ende war es dann so, dass wir alleine mit dem CDs nachbestellen, dem Vertrieb checken oder mit der Promoterin telefonieren, soviel zu tun hatten, dass wir eigentlich zur Hälfte schon gerne die Sachen alle abgeben wollten. Daher fiel dann der Entschluss, die Platte über "Universal" zu veröffentlichen. Dort wussten wir sind Leute, die das so weiterführen, wie wir es bei "Taxi" angefangen haben, nur mit viel mehr Kraft und Power.

POOLTRAX: Der Sound auf "Taxi" war passend zum Titel sehr nach vorne hastend und rastlos. "Wartesaal" ist da deutlich ruhiger, wenn auch tanzbarer geworden. Spiegelt dieser Wechsel auch eine innere Wendung in dir wider?

BOSSE: Das kann ich so genau gar nicht sagen. Klar, ich werde auch nicht jünger und je älter ich werde, desto mehr findet die Ruhe in mir Platz. In meinem Leben gibt es immer mehr ruhige Phasen und ich lerne die mehr zu schätzen. Zusätzlich steh ich drauf, wenn Musik immer unterschiedlich ist. Es kann also durchaus sein, dass das nächste Album ein Heavy Metal- oder ein Rock'n'Roll-Album ist.

POOLTRAX: Wenn man sich "Wartesaal" anhört, hat man das Gefühl, dass man den Songwriter BOSSE hört, auf den ersten beiden Alben war der Sound voller und klang mehr nach einer Band. Was ist BOSSE - Band oder Solokünstler?

BOSSE: In der Außenwirkung war das bisher total verwirrend. An dieser Stelle kann man daher mal gut sagen, dass BOSSE keine Band ist. Mein Name ist Axel Bosse und BOSSE war noch nie eine Band. Ich habe aber trotzdem inzwischen acht Leute die zu meiner festen Liveband gehören. Und diese Band ist zwar wichtig für mich, aber nicht für das kreative Arbeiten.

POOLTRAX: Wenn du im Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" leben würdest - was würdest du jeden Tag aufs Neue tun?

BOSSE: Ich hab grundsätzlich schon einen recht festen Tagesablauf wenn ich zuhause bin. Ich wache morgens auf, koche Kaffee, wecke meine Tochter und bring sie in den Kindergarten und dann komm ich nach Hause und fang an zu arbeiten. Oft arbeite ich dann an Sachen weiter, die ich abends liegen gelassen habe. So gegen 10 beginnt dann bei mir eigentlich die richtige Arbeitszeit. Das geht dann so bis 15 Uhr und anschließend hol ich meine Tochter ab. Sobald die im Bett ist, mach ich mich wieder an die Arbeit.

POOLTRAX: Also ist eigentlich gar keine Zeit mehr für die Frau übrig?

BOSSE: Bei uns ist es so, dass meine Frau auch ziemlich viel arbeitet und wir uns das aber ganz gut aufteilen würden an so einem Murmeltiertag.

POOLTRAX: "Frankfurt/Oder" war einer der besten deutschsprachigen Songs des letzten Jahrzehnts. Warum habt ihr diesen Song, der ja schon auf "Guten Morgen Spinner" zu finden war noch mal in einer Duett-Version aufgenommen?

BOSSE: Für mich als Liederschreiber ist das auch der beste Song und das zweite Album wurde Meinesserachtens nicht gut genug wahrgenommen. Ich hab mir irgendwann die Rechte nur von diesem Track gekauft, um den Song irgendwann mal wieder rauszubringen, weil ich ihn so gut fand. Während der Aufnahmen zu "Wartesaal" dachte ich mir irgendwann "Wir müssen 'Frankfurt/Oder' noch mal aufnehmen". Der Song brauchte aber irgendwas Neues. Dann hab ich Anna Loos angerufen, Anna ist eine alte Freundin von mir, und sie hat "Ja" gesagt.

POOLTRAX: Sebastian Madsen auf dem Album "Taxi" - jetzt Anna Loos. Mit wem hättest du gerne ein Duett auf deinem 5. Album?

BOSSE: Heather Nova!

POOLTRAX: Die alte Geschichte! (Anm. d. Redaktion: Auf seinem Album "Taxi" gab es das Lied "Der Sommer ist noch lang", welches Axel Bosse damals eigentlich als Duett mit Heather Nova geplant hatte - sie lehnte ab)

BOSSE: Ja, genau. Wobei ich 'I Blame Coco' momentan auch ganz groß finde.

POOLTRAX: Die Tour ist nun am Start. Spielst du lieber vor 100 Leuten alleine oder mit Band vor der ausverkauften "Großen Freiheit 36" in Hamburg?

BOSSE: Wenn ich mich entscheiden könnte, dann würde ich mich immer wieder für die ausverkaufte "Große Freiheit" entscheiden. Das liegt aber an der Location und nicht an der Band oder sonstigem. Wir wissen heute schon, dass das ein Tourhighlight sein wird. Akustisch vor 100 Leuten ist aber auch überhaupt nicht von der Hand zu weisen. Da ist es einfach direkter und der Fokus liegt mehr auf den Texten.

POOLTRAX: Welches Gefühl sollen die Besucher haben wenn sie deine Konzerte verlassen? Euphorisch, verliebt?

BOSSE: Ja, so was in der Richtung. Wenn ich auf einem guten Konzert war, dann hab ich immer so ein Glücksgefühl in mir. Und das sollen die Zuschauer auch haben. Mit müden Beinen nach Hause, aber innerlich total glücklich und zufrieden.

BOSSE AUF TOUR:

31.03.2011 Frankfurt
01.04.2011 Erfurt
02.04.2011 Dresden
07.04.2011 Bochum
08.04.2011 Osnabrück
09.04.2011 Hamburg
13.04.2011 Göttingen
14.04.2011 Braunschweig
15.04.2011 Bremen
16.04.2011 Berlin
02.12.2011 München
08.12.2011 Köln
10.12.2011 Hamburg

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